Möwe

 

Der in sich zusammengekauerte Vogel mit eingezognem Hals ist in der für die Region Hida mit ihrem Zentrum Takayama in typischer Ein-Messer-Schnitzerei (ittōbori) ausgeführt. Hierfür wurde das feinfaserige Holz der Eibe (ichii, Taxus cuspidata) verwendet, dessen dunkles Kernholz und heller Splint reizvolle Effekte liefert. Da die Eibe in der Hida-Region zahlreich wächst, ist ihr Holz das bevorzugte Material der dortigen Schnitzer.

Möwen (kamome) sind in Japan nicht nur an den Meeresküsten anzutreffen, sondern auch an den Flüssen der Bergregionen. Ehemals wurden sie in Japan miyakodori (Vogel der Hauptstadt) genannt. Der Vogel wird seit der Heian-Zeit in der Lyrik besungen und wird mit dem „Ise monogatari“ in Verbindung gebracht. Im 9. Kapitel sieht Prinz Narihira, der ins Exil geschickt worden war, am Sumida-Fluss in der Provinz Musashi Vögel, die er aus seiner Heimat Kyoto nicht kennt. Er fragt den Bootsmann nach ihrem Namen und dieser antwortet „miyakodori“, Vögel der Hauptstadt. Sehnsucht nach Kyoto überkommt Narihira und in einem Gedicht fragt er die Vögel nach seiner Geliebten:

Wenn es denn wahr ist, / was dein Name verheißt – / sag, Hauptstadtvogel: / wie mag es ihr ergehen, / lebt sie noch, die ich liebe?

Darstellungen von Vögeln (Kranich, Spatz, Hahn) im ittōbori-Stil waren zu Anfang des 20. Jahrhunderts unter den Schnitzern sehr populär, nachdem Sukenaga (1800-1871) die ersten Netsuke in dieser Art geschnitzt hatte. Die Schnitztechnik ging einher mit einer gewissen Stilisierung, wobei der Verlauf der Maserung in etwa dem des Gefieders entspricht.